Archiv – Texte

Kind – manchmal

Es passiert, dass ich eine Ziffer in ein Kästchen setze oder einen Buchstaben auf eine Linie schreibe und mich ein plötzliches Glücksgefühl überkommt: Ich bin stolz, dass ich Zahl und Wort so formvollendet hinbekommen habe.
Für Sekunden bin ich Kind, Lernende, mit demselben Eifer, mit dem Kinder Neues ausprobieren, was ihnen Spaß macht.
Und ich bin für Sekunden glücklich und dankbar, weil ich schreiben kann.
Manches wird uns selbstverständlich – das meiste im Leben wird uns selbstverständlich.

Es passiert, dass ich einen Menschen kennenlerne, der in Sekunden ein wohliges Gefühl in mir weckt. Und ich erinnere mich, dass ich das schon als Kind kannte. Damals ergab sich wie von selbst ein Gespräch, ein näheres Kennenlernen.
Inzwischen ist alles komplizierter geworden. Statt Dankbarkeit für die Chance überrollt uns meistens die Selbstverständlichkeit. Die Chance wird nicht ergriffen: nicht jetzt … vielleicht später … bleibt letztlich ungenutzt.

Manchmal wünsche ich mir, wieder Kind zu sein.

© Inge Wrobel

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Die grüne Tasse

Sein Blick fällt sinnend auf die grüne Tasse
aus der sie einen letzten Schluck genommen.
Er weiß ja: Sie wird niemals wiederkommen.
Das Wissen lähmt sein Handeln, macht beklommen.

Heut hat er sich erneut fest vorgenommen,
die Tasse mit dem anderen Geschirr
zu spülen. Doch sind die Gedanken wirr,
und abgelenkt durch Porzellangeklirr.
Am Schluss steht sie noch ungespült, die Tasse.

Wie frisch geküsst, so wirkt das Lippenrot
auf grünem Grund – er meint, es lacht ihn an,
weshalb er es noch nicht entfernen kann,
obwohl sie, seine Frau, doch längst schon tot.
Auch heut noch bleibt sie unberührt, die Tasse.

© Inge Wrobel

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Neujahrswünsche

Du lieber Gott, ich wünsche mir
für’s neue Jahr nicht viel von Dir:

– Gesundheit und ’nen Batzen Geld
und Glück, dass beides lange hält.

– Und kannst dem Hauswirt Du verbieten,
dass er je hochgeht mit den Mieten?

– Dass meines Gatten Manneskraft
erhalten bleibt, und nicht erschlafft.
(Tausch das Viagra, das wär’ nett,
in Baldrian – in fremdem Bett.
Oder, noch besser, stell ihn lahm
bis er ausschließlich monogam.)

– Stopp Nachbars Dauerbeller-Hund –
und unsre Katze mach gesund.

– Die Erbtante, sie möge leben …
und vorher mir das Erbe geben.

– Gib mir die Macht, dass ich die Zicke
(??? Du weißt schon …) in die Wüste schicke.

So viele Bitten hätt’ ich noch,
Du lieber Gott, an Dich. Jedoch …

Wie bitte? Das ist viel zu viel,
was ich bei Dir erbitten will?
Was meinst Du? Ich wär’ unbescheiden?

Ich glaube, Du kannst mich nicht leiden!
Wenn Du mir keinen Wunsch erfüllst,
dann mach doch grade, was DU willst!!!

© Inge Wrobel

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Alle Jahre wieder …

Wenn „Sie” sich, statt mit Moschus, jetzt mit Zimt besprüht,
wenn Rotwein, anders temperiert, auf einmal glüht,
wenn Kuchen neuerdings mit Hirschhornsalz gewürzt,
wenn ein Kalender täglich neu das Warten kürzt,
wenn sich der Juwelier erfreut die Hände reibt,
wenn Oma lieber in der warmen Stube bleibt,
wenn Singles plötzlich Anschluss an Familien suchen,
wenn Hausfrau’n über die gestieg’nen Preise fluchen,
wenn kleine rote Männer an Balkonen klettern,
wenn Kunden in der Schlange vor der Kasse wettern,
wenn Trainer vor der Pause noch auf Punkte drängen,
wenn rote Zipfelmützen von den Köpfen hängen,
wenn Glocken dich vom Tinnitus zur Taubheit läuten,
dann nähert sich, worauf sich stets die Kinder freuten:
dann steht uns dieser Rummel bald bis hier –
dann steht das Christkind auch vor unsrer Tür.

© Inge Wrobel

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frommer wunsch

jeden trüben morgen bete ich

dass der ernst des lebens

sich totlacht

* neunchen *

© Inge Wrobel

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Ja, ja – die Liebe …

Ich liebe dich, das ist bekannt,
wie Sonne liebt den Wüstensand.
Drum wäre schön der Ehestand:
dann wären wir beinah verwandt.

Ich liebe dich nicht nur latent,
ich liebe dich ganz vehement!
Und wenn das Schicksal uns nicht trennt,
dann dauert’s bis zum bitt’ren End.

Ich lieb dich zärtlich wie ein Kind,
ich lieb dich stärker, als Absinth.
Die Liebe zu dir macht mich blind …
(… solang’ ich keinen Bess’ren find).

Die Liebe, wie ich schon betont,
reicht von der Erde bis zum Mond;
und wenn der Mars erst mal bewohnt,
bleibt nicht mal er davon verschont.

Die Liebe treibt es ganz schön bunt:
mal ist sie eckig und mal rund.
Ich fürchte, das ist nicht gesund –
drum halt ich ab sofort den Mund!

© Inge Wrobel

Dieses Gedicht ist auf meiner CD
„Inge Wrobel liest Inge Wrobel“ enthalten.
Bezug der CD für 12,00 Euro exklusiv bei mir.

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Blondes Gift

Ich bin ein blondes Gift, so will mir scheinen,
die Frauen halten ihre Männer fest
und mustern mich vom Kopf bis zu den Beinen,
ob sich vielleicht “Gefahr” erkennen lässt.

Doch gab ich ihnen niemals Grund zum Weinen,
die Männer fallen alle durch den Test.
Da bleib ich lieber schon bei meinem Einen
und gnädig lass’ euch Weibern ich den Rest.

Oh nehmt den Rat, ihr Frauen, diesen feinen:
Wenn Männer gucken, müsst ihr nicht gleich greinen!
Die Neugier steckt im Manne wie im Kind.

Lasst sie doch schnuppern, gucken, probespielen!
Dann folgen sie vertrauteren Gefühlen,
bis sie daheim beim Lieblingsspielzeug sind.

© Inge Wrobel

Dieses Gedicht ist in dem Buch „Gedichte 2007“ enthalten. Preis 9,00 Euro – Bezug exklusiv bei mir.

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Elegie

Klagelied

Nun schon – zu früh – überfällt das Herz
eine bleierne Müdigkeit –
mag nicht mehr lauern.

katharsis

leg ab die bunten bänder, allen flitter
entferne aus dem haar, von den gelenken
alles geschmeide
streife ab
vom körper die seide und den tand

Ergebenheit

Hüll dich in graues Leinen
und weine
bis die Stimme dir versagt
dann füge dich und schweig.
Erkenne das Zeichen.

demut

warum nicht mit den schwarzen
klageweibern heulen –
sind sie doch nicht älter als du.

© Inge Wrobel

Dieses Gedicht ist in dem Buch „Gedichte 2007“ enthalten.
Preis 9,00 Euro – Bezug exklusiv bei mir.

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Mein virtueller Freund

für Wolfgang

Du gibst mir das Gefühl, ganz Frau zu sein.
Du schmeichelst und umgarnst mit deinen Worten.
Nimmst dir die Freiheit, tust, als wär allein
nur ich an diesem, ja, an allen Orten.

Wir wissen beide, dass das nur ein Spiel ist.
So treu sind wir, wie man nur treu sein kann.
Doch ich gestehe, dass du mir sehr viel bist,
denn ich fühl mich als Frau – und du bist Mann.

Wenn man das Virtuelle auch verneint
– vom richt’gen Leben ist es ja so fern –
so haben auf Distanz wir uns doch gern.

Wer wollte etwas Böses darin sehen,
wenn unsre Seelen sich so nahestehen –
denn unsre Körper werden nie vereint.

© Inge Wrobel

Dieses Gedicht kann man, von mir gelesen, anhören auf meiner CD/Hörbuch „Inge Wrobel liest Inge Wrobel“,
Preis 12,00 Euro, und es ist enthalten in dem Buch „Gedichte 2007“, Preis 9,00 Euro.
Bezug von CD und Buch exklusiv bei mir.

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reflexion

durch dich spreche ich
über mich zu mir:
selbstgespräch mit umweg.

nur wenn ich von liebe spreche
schaue ich in den spiegel
um zu sehen, ob da noch jemand steht.

werde irre,
weil ich manchmal dein gesicht sehe
doch beim nächsten blick schon

sich unsere gesichter
ineinanderschieben und ich nur
mich selbst erkenne.

seitdem frage ich mich,
ob mein raum einen toten winkel hat,
luftleer und glasfrei ist.

© Inge Wrobel

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mond

schon gingen mond um mond
mit dir an der hand
ins vergessen
gestern
bei neumond
war alles wieder da
wieviel monde braucht
meine traurigkeit noch
bis ich den mond
wieder lieben kann
bis ich
wieder lieben kann?

© Inge Wrobel

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Ostern

Es osterlt – ja, ich seh’s an den Narzissen,
den Tulpen und so weiter … gegenüber
von grünem Daumen angepflanzt. Nichts lieber
als das: Ich werd mich selbst nicht mühen müssen.

Dacht ich, ich müsst den Frühling heuer missen,
so war das gestern – heute lach ich drüber,
und meine Freude darauf steigt wie Fieber:
Die Wärme lässt die ganze Welt mich küssen.

So spät kommt Ostern erst in diesem Jahr –
ich meine, dass es früher früher war.
Das hat den Vorteil, dass man lang sich freut.

Ich freu mich jetzt bereits und kann genießen,
wie alle Frühlingsblumen munter sprießen.
Noch nie hat Ostern-Vorfreude gereut.

© Inge Wrobel

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verlorener anschluss

zu lang hing ich
an deinen lippen
derweil die erde
sich weiterdrehte

hast mir die welt
aus den angeln gehoben
und mich mit ihr
alleingelassen

© Inge Wrobel

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Und wäre heut der letzte deiner Tage …

Inspiriert von dem Song: „If tomorrow never comes“

Hast du dich je gefragt, wo du wohl bist,
wenn dieser Tag dein allerletzter ist;
wenn dir bewusst wird, was du schon versäumt,
was nicht geschah von dem, das du erträumt?

Wo sind die Menschen, die dir wichtig sind?
Was willst du tun, bevor die Zeit verrinnt?
Erstellst du eine eilige Bilanz
bevor du dich erhebst zum letzten Tanz?

Mir gehen all die ungesagten Worte,
Geständnisse der Liebe, durch den Sinn.
Ich frag mich, ob am rechten Platz ich bin,

und eile plötzlich, um bei dir zu sein.
Ich will an diesem Tage nicht allein,
sondern mit dir sein – gleich, an welchem Orte.

© Inge Wrobel

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